"In segmentären Gesellschaften ist jeder Einzelne in gewisser Hinsicht mit quasi-diplomatischen Problemen konfrontiert, denn er gehört »einem um- fassenden System nicht deshalb an, weil er einer dazugehörigen Familie an- gehört, sondern deshalb, weil er zu anderen Familien und Gruppen, denen er nicht angehört, Beziehungen unterhalten muß und in diesen Beziehungen nicht durch die eigene Familie allein gehalten werden kann« (Luhmann 1997: 642, Fn. 74)" 66.
"Denn ein Fremder mag zwar rein äußerlich wie ein Mensch aussehen. Ob er aber tatsächlich als Partner für Kommunikation in Frage kommt, ist damit längst nicht vorab festgelegt. Im Gegensatz zu stratifizierten Gesellschaften, die Gattungsähnlichkeiten als Index für Kommunikationsfähigkeit einsetzen, und im Vergleich zur modernen Gesellschaft, deren »Kosmologie« auf funktionalen Äquivalenzen basiert, scheinen in segmentären Gesellschaften vor allem Analogien als primärer Form der »Ontologie« zu fungieren (Halbmayer 2012; Pedersen 2001)" 57f.
"Es überwiegt insgesamt der Eindruck, dass in tribalen Verhandlungen talk, decision und action kaum unterschieden werden können (siehe mit einer Fülle an weiteren Literaturhinweisen Brison 1989; zum Handeln als »Selbstzweck« in segmentären Gesellschaften Gehlen 1977: 29ff.). Verhandelt wird weniger, um sachliche Ergebnisse mit zeitlicher Fernwirkung zu erzielen. Vielmehr ist, wie auch der Abschnitt zur Zeitordnung in segmentären Gesellschaften nahegelegt hat, das Gelingen der Interaktion selbst das »Ziel«. Jede Bedürfnisbefriedigung sollte unmittelbar in der Interaktion erfolgen und kann kaum im Hinblick auf eine Fernwirkung vertagt werden (Lee 1949: 408f.).11 Jede Andeutung eines konkreten Verhandlungszieles könnte Wi- derspruch provozieren, Gefühle und Selbstdarstellungen verletzen und da- mit die Interaktion in einer ohnehin angespannten Lage gefährden. Konflikte werden, wenn sie nicht in Ritualen kanalisiert werden, gemieden, sodass die Themen weniger nach sachlichen Problemlagen in der gesell- schaftlichen Umwelt der Verhandlung variieren, sondern nach den Konsen- schancen in der Interaktion selbst. Insofern werden die Verhandlungsteilnehmer nicht an Entscheidungen oder sachlich bestimmbare Ergebnisse weltpolitisch gebunden. Vielmehr liegt der Sinn von Verhandlungen in der Erarbeitung einer gemeinsamen Beschreibung des Konfliktverlaufs sowie in der wechselseitigen Darstellung einer positiven Gesinnung, die vor allem im Gabentausch sowie in der Leistung von Reparationszahlungen zum Ausdruck kommt (Lee 1984: 97ff.)" 106f.
"Das führt, neben dem erwähnten Phänomen logischer Selbstwidersprüche, einerseits zu Höhenflügen reflexiver Beobachtung, weil man weiß, dass alle wissen, dass man weiß, dass niemand sagt, was er denkt: »No matter what they say or agree to during a formal meeting, everyone [...] knows that men and women will, in the end, do what they want« (Kulick 2004: 126; vgl. Lindstrom 1990: 385ff.). Wenn man sich dann aber so verhält, wie man in einer Verhandlung zugesichert hat, muss dies nicht als Erfüllung einer Zu- sage verstanden werden, sondern kann als Ausdruck von Präferenzen ausgewiesen werden, die man vorgeblich schon immer hatte und denen man auch ohne Verhandlung gefolgt wäre (Kulick 2004: 126)" 104.
An einen Satz aus Ramys "Diplomatie Buch" erinnert mich mein Onlineleben wieder und wieder ;-)
"Das geht sogar so weit, dass man, um Widersprüche der anderen Teilnehmer zu vermeiden, sich selbst im gleichen Atemzug sachlich widerspricht und das Gegenteil von dem behauptet, was man noch im Augenblick davor gesagt hat, um sich im nächsten Augenblick wieder selbst zu widersprechen" S. 103.
Solches Agieren ist beim Ermitteln von Konsens in tribalen Gesellschaften beobachtbar, und ja, tribale Gesellschaft, finde ich zumindest eine humoristisch wertvolle Perspektive auf vieles, was im Fediverse beobachtbar ist.
@ramyologist
https://www.campus.de/e-books/wissenschaft/soziologie/die_anerkennung_von_grenzen-16493.html
Ich klebe ausreichend Ausschnitte hier drunter für einen schönen Lesenachmittag. Bitte schmunzelt und tanzt ums Feuer.
"Die Berücksichtigung möglichst aller Perspektiven kann unter solchen Umständen einen Vorrang gegenüber der Artikulation eigener Auffassungen beanspruchen (Read 1959: 431). Das geht sogar so weit, dass man, um Widersprüche der anderen Teilnehmer zu vermeiden, sich selbst im gleichen Atemzug sachlich widerspricht und das Gegenteil von dem behauptet, was man noch im Augenblick davor gesagt hat, um sich im nächsten Augenblick wieder selbst zu widersprechen (Kulick 2004: 127ff.). Das wird nicht als Problem gesehen, sondern gilt als vorbildliche rhetorische Begabung, und eine dementsprechende Interaktionsmoral prämiert Tugenden der Zurückhaltung und Unaufdringlichkeit mit der möglichen Folge, dass niemand mehr wagt, die erste Initiative zu ergreifen (Liberman 1985: 31; vgl. auch Marshall 1961: 235f.; McKellin 1990: 336ff.) – im krassen Gegensatz zu endemischen Rangkonflikten in stratifizierten Gesellschaften" 103.
R.I.P. Maxi Jazz https://youtu.be/zXUrVJNIcgA
Just a reminder, there are tons of servers on the fediverse with quote toot feature, and they all follow the same standard. QOTO is a mastodon instance with Quote toots for example. Fedibird is also a very large server that is mastodon based that has the feature. All Misskey servers also have the feature.
Der bisher beste Zeitungsartikel zu Betrugsmöglichkeiten mit GPT3 & Co. an (Hoch-)Schulen von Susanne Bach & Doris Weßels: https://zeitung.faz.net/faz/geisteswissenschaften/2022-12-21/4e68b5281133c19b20a58c0a756d30c8/ #fediLZ
Spies with ties: column "Soziale Systeme" by G. Wagner about the international community of intelligence agencies
in German: https://www.faz.net/aktuell/wissen/geist-soziales/soziologie-erforscht-geheimdienste-18539163.html
Dieses DLF-Hördings über "Philosophie der Dummheit" hat mir gut gefallen, vor wegen der Beiträge von Petra Gehring, die den Raum immer wieder öffnet. (bin immer beeindruckt von ihr, da "sitzt" jedes Wort. Leider hat der DLF eine zeitgeistig-gefällige Headline vorgesetzt) https://www.deutschlandfunkkultur.de/dummheit-denkfaulheit-ignoranz-100.html
In the mid-90s, the legendary German sociologist Alois Hahn (whose teachers were #Adorno, Thomas #Luckmann and #Habermas, among others) gave the lecture "Grundbegriffe und theoretische Ansätze der Soziologie" ("Basic Concepts and Theoretical Approaches in Sociology").
The publisher Carl-Auer-Verlag will broadcast the complete lecture successively.
You can enjoy the podcast with subtitles on your PC with Google Chrome's Live Captions function.
Brauchst deine Wochenration #Luhmann? Voila #Podcast
(Lesegruppe, "#Wissenschaft der Gesellschaft")
In our weekly #Lesemontag -podcast, we continued reading Niklas #Luhmann's "Die Wissenschaft der Gesellschaft" ("Science of Society"), focusing on concepts like 1st + 2nd order observation and latency.
Our permanent member Hartmut Esser was unfortunately not with us this time, but will join us again next year.
You can find this episode again in the Google Podcast, where you will also find a link to the Youtube video (with subtitles of your choice).
"twitter macht elon musk zum millionär." der beste satz von @linuzifer im letzten logbuch netzpolitik.
@milan - Download des Archivs funktioniert nun perfekt. Einen GROSSEN Dank für dein Engagement. #AdminFeedback
1/7 It's difficult to draw an alternative vision for our future because the #DigitalRights field is dominated by complex language, jargon & policy-focused dialogue.
📚That's why today EDRi publishes 4 sci-fi utopian stories that focus on people. Read now: https://edri.org/what-we-do/the-future-is-now/
Vor 40 Jahren gestaltete die Designerin Susan Kare die Benutzeroberfläche für den Apple Macintosh … https://www.spiegel.de/netzwelt/web/interview-mit-susan-kare-die-frau-die-dem-apple-das-gesicht-gab-a-203357.html
Lurker. Schaut, was ich poste und verbreite. Ich laufe gern durch meine Veedel. "Wie gelingt es, dass 1.000.000 Menschen auf 20 x 20 km leben und es friedlich bleibt?" #Gesellschaftstheorie #Systemtheorie #lesemontag https://www.youtube.com/channel/UCIYu2VeVwU4VvSv4hYCS_YA